Für alle statt für wenige


Spitalschliessungen bedeuten Kosteneinsparungen zu Lasten der Frauen

21.Oktober.2020

Nicht erst seit der Coronakrise ist das Thema der Pflege- und Gesundheitspolitik in aller Munde. Seit Jahren diskutieren verschiedene Gruppen, Lobbys und Parteien, welches Gesundheitssystem zur besten und günstigsten Versorgung führt. Mit den Argumenten der zu hohen Ausgaben werden dabei immer wieder Sparmassnahmen bei den Pflegenden, den Institutionen oder Spitälern beschlossen. Dieser Abbau geht vor allem zu Lasten einer Gruppe: der Frauen.

Die Schweiz hat heute im Vergleich zu Deutschland einen mehr als 14% höheren Anteil an Selbstzahlungen bei den Gesundheitsausgaben. Allgemein haben wir im Vergleich zu unseren Nachbarn den höchsten Anstieg an Gesundheitsausgaben (öffentlich und privat) pro Kopf. Die Schweiz hat damit eine traurige Spitzenposition und steht vor Österreich, Frankreich, Deutschland, Italien, Niederlanden und Vereinigtem Königreich.

Wir alle wollen ein ‘gesundes’ Gesundheitssystem, in dem die Krankenkassenprämien nicht weiter steigen. Es ist klar, dass Massnahmen gegen die explodierenden Gesundheitsausgaben immer dringender notwendig sind. Darum hat der Bundesrat eine ExpertInnengruppe eingesetzt, welche 2017 einen 131-seitigen Bericht mit Kostendämpfungsmassnahmen veröffentlichte. Die internationalen Experten waren sich dabei einig, dass diese Massnahmen v.a. bei den Leistungserbringern primär auf der Angebotsseite ansetzen sollten.

Die St. Galler Politik geht aber einen komplett anderen Weg: Die Schliessung der Spitäler in Altstätten, Wattwil, Flawil und Rorschach finden zu Lasten der Leistungsbezüger statt. Leider in dem Fall vor allem auch zu Lasten der Frauen, die in diesen Gegenden wohnen. So stellen die Frauen die grösste Anzahl der Angestellten in diesen Spitälern und es sind ebenfalls meist die Frauen, die in diese Spitäler fahren um ihre kranken Bekannten zu betreuen. Durch die Spitalschliessungen wird der Weg, um die Lieben im Spital zu besuchen, auch länger, und die Frauen müssen entweder zusätzliche Mühen auf sich nehmen oder vermehrt ihre Angehörigen zuhause betreuen.

Der Kantonsrat hat sich die Entscheidung bei den Spitalschliessungen sicher nicht leicht gemacht. Trotzdem scheint es so, dass nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft wurden. Wurde vielleicht doch der Weg gewählt, der am ‚einfachsten‘ erscheint?

Dazu müssen wir uns die Frage stellen, wer denn die zusätzliche Care Arbeit übernimmt, die wegen den Spitalschliessungen anfällt. Das ist in unserer Gesellschaft selbstverständlich: Die Frauen. Das ist praktisch. Und es zeigt sich bei jeder Sparmassnahme: Wenn Mittagstische bei den Schulen gestrichen werden, wenn Kitas ihre Preise erhöhen, wenn Kranke wegen einer Fallpauschale früher aus dem Spital müssen und zuhause weiterbetreut werden. Die Frauen übernehmen diese Arbeit gerne und reden nicht darüber. Der Service Public wird gekürzt, die Mehrarbeit fällt zurück ins Private, wird dort erledigt und frau macht es in einer Selbstverständlichkeit.

Die Spitäler Altstätten, Wattwil, Flawil und Rorschach zu schliessen ist beschlossen. Damit ist also erneut eine Kosteneinsparung zu Lasten der Frauen erreicht worden. Die Entscheide wurden vornehmlich von einem männlich dominierten Gremium gefällt. Die Konsequenzen tragen vornehmlich die Frauen in unserer Gesellschaft.

Dieses Muster müssen wir zur Sprache bringen, jedes Mal, wenn Kürzungen oder Sparmassnahmen diskutiert werden. Stehen wir gemeinsam dafür ein, dass die Kostendämpfungsmassnahmen in unserem Gesundheitswesen nicht weiter zu Lasten der Leistungsempfänger und der Frauen erfolgen!




SP vor Ort